Pastor Jan-Robert Beenen-Tandler
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  1. ---- Jan-Robert Beenen-Tandler (Homepage) auch: Jan-Robert Beenen.
  2. ---- Über den Autor Jan-Robert Beenen-Tandler. Aus: "Deutsches Schriftstellerlexikon 2004" Erschienen beim Bund Deutscher Schriftsteller BDS e.V. zu Dietzenbach.
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  4. ---- Internationale Zeitschrift für Theologie "CONCILIUM": Rezension über das Buch "Zuwendungen" von Jan-Robert Beenen-Tandler.
  5. ---- Erlöserkirche in Jerusalem - Propst Dr. Uwe Gräbe: Ansprache zur Todesstunde Jesu am Karfreitag 2009 mit einem Essay aus den "Zuwendungen - Sterben angesichts Aids".
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  7. ---- Regensburger Wenzelspredigt von Jan-Robert Beenen im "Stifter Jahrbuch - Neue Folge 1" München 1987.
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5. ---- Erlöserkirche in Jerusalem - Propst Dr. Uwe Gräbe: Ansprache zur Todesstunde Jesu am Karfreitag 2009 mit einem Essay aus den "Zuwendungen - Sterben angesichts Aids".
Erlöserkirche in Jerusalem

Redeemer Church - Muristan Road

Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache
zu Jerusalem.

Propst Dr. Uwe Gräbe

Ansprache zur Todesstunde Jesu
am Karfreitag - 10. April 2009.

 
 
 Erlöserkirche und Felsendom


Liebe Gemeinde,
"DenkOrte" - Andachten an ungewöhlichen Orten, so haben wir unsere Reihe von Passionsandachten in diesem Jahr genannt. DenkOrte - mit großem O: Orte zum Denken, zum Nachdenken, aber auch: Orte, die gedacht, die durchdacht werden wollen. Und manches Mal mussten wir uns einen Raum als Andachtsort tatsächlich erst neu erdenken. Am Montag ging es in die Tiefe, in die Gewölbe unter unserem Gästehaus in der Altstadt. Am Dienstag blieben wir ganz bodenständig, auf der Erdoberfläche: In unserem Archäologischen Institut ging es dabei darum, was uns alte Steine zu denken lehren können. Und am Mittwoch führte der Aufstieg schließlich in die Höhe, auf den Turm der Auguste Victoria, von wo aus wir den Tränen Jesu über Jerusalem
nach-denken und nach-spüren konnten.
Und da sind wir nun angekommen: Im Herzen dieser Stadt. Gewiss ist die Erlöserkirche für uns kein ungewöhnlicher Ort. Die meisten von uns sind es gewohnt, hier den Gottesdienst zu feiern. Dennoch - und manchmal muss man sich das einfach ins Gedächtnis zurückrufen: Hier sind wir in der Kirche, die der Grabes- oder Auferstehungskirche am nächsten liegt. So nah am Heiligen Grab - vielleicht dann doch: Ein ungewöhnlicher DenkOrt.
Uns und unsere Kirche zusammenzuhalten mit dem Heiligen Grab - das hat seine Entsprechung in den Bibeltexten dieser Andacht. Auch deren Gestalten wollen zusammengehalten werden.
Da ist zunächst der Gottesknecht aus dem Buch des Propheten Jesaja. "Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Sünden sind wir geheilt." - Schon immer haben Menschen gefragt, wer sich wohl hinter dieser Gestalt verbirgt. Der Prophet Jesaja - der zweite dieses Namens - selbst? Oder vielleicht Mose? Oder sollte die Leidensgeschichte des Volkes Israel als Ganzem gemeint sein? Christen haben seit jeher die Verse als prophetischen Hinweis auf Jesus Christus gedeutet und das Alte Testament somit in christologischer Perspektive gelesen - manchmal gar polemisch gegen jüdische Deutungen
gewendet. Und doch - es gehört zusammen: Mose, die biblischen Propheten, das Volk Israel und Jesus Christus als der eine aus diesem Volk, der exemplarische Israel.
"Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er."
Da ist er, in dessen Schicksal sich all das in der
Geschichte Israels Erlebte widerspiegelt. Insofern Jesus für Israel steht, nur insofern steht auch der Gottesknecht für Jesus. Und damit wiederum zugleich für Israel.
Finsternis. Wer wollte dabei nicht an die "Nacht" denken, von welcher Elie Wiesel schreibt. Die Nacht, die eben nicht nur drei Stunden dauerte, sondern zwölf bittere Jahre.
Der Vorhang des Tempels zerreißt: Das Göttliche selbst liegt nackt und bloß da, den Blicken und dem Spott der Menschen ausgesetzt. Die Erinnerung an zwei Tempelzerstörungen wird wach. Aber eben auch der pornografische Blick in ausgebrannte Synagogen, lachende Schergen, scheinbar unbeteiligte Zuschauer, Mitläufer, Spott. Und Gott selbst: verwundbar und verwundet, machtlos, bloßgestellt. Ein Gott in Niedrigkeit. Ein Gott im Schmutz.

Und in dieser Verbindung von Gottesknecht, Israel und Jesus scheint noch eine ganz andere Verbindung auf: Im exemplarischen Geschehen zeigt sich immer auch der Menschheits-Mensch, der rückgebunden ist an die ganze Menschheit, an die ganze Schöpfung. Die schmerzverzerrten Gesichter der Erdbebenopfer in Italien. Die schmerzverzerrten Gesichter der Kinder in Gaza und Sderot: Da ist er, Jesus, der sich ganz und vorbehaltlos eingelassen hat, das Leiden dieser Schöpfung selbst zu tragen. Und darum ist jedes menschliche Leiden, jede menschliche Katastrophe ein kleiner Karfreitag.
Neulich empfing ich hier eine Pilgergruppe, die von einem katholischen Priester geleitet wurde. Eigentlich erschienen sie mir als ganz durchschnittliche Menschen - so, wie wir sie hier zu Tausenden empfangen. Doch am Ende stellte sich mir der Priester vor als einer, der bereits seit Mitte der achtziger Jahre in Berlin - auch gegen das Votum seiner Vorgesetzten - Aidsseelsorge betrieben hat. In einem Büchlein, welches er geschrieben hat, erzählt er von einem besonderen Karfreitag. Und mit diesen Worten möchte ich gerne schließen:

(Vorlesen: Jan-Robert Beenen-Tandler, Zuwendungen. Sterben angesichts Aids, St. Wendel 2004, 93-94)


 


"Kopf" von Erwin Feldmeier, Osnabrück.

Wann stirbt wohl ein Mensch? - Wieviel Kraft hat er zum Leben? Derartige Gedanken beschäftigten mich am Karfreitag 1989 auf dem Weg ins Krankenhaus. Unter anderen stand der Besuch bei Jens an, einem jungen Mann von 23 Jahren. Vorsorglich hatte ich die Teilnahme am Nachmittagsgottesdienst abgesagt.
Dieser Karfreitag ausschließlich bei Jens im Krankenzimmer hat ein beeindruckendes Bild in meiner Seele hinterlassen.

Jens wartete schon auf mich. Ihm wurde, gleich nachdem ich den Raum betrat, eine Blutinfusion angelegt. Diese lösten fürchterliche Hitzeschübe in ihm aus. Er heulte, weil ihm so heiß war und er auch nicht mehr auf dem Rücken liegen konnte, denn er hatte bereits viele, durchgelegene Stellen. Ich versuchte, ihn zu beruhigen.
,Warum hilft mir denn keiner? - Lieber Gott, warum hilfst Du mir nicht?', brach es aus ihm heraus.
Ich schwieg. Ich streichelte seine Hand, legte die linke Hand auf seine heiße Stirn und gab ihm einen Kuß. ,Jan, es ist schön, dass Du bei mir bist. Du bist so lieb.' sagte er mit einer schon etwas festeren Stimme. Ich antwortete ihm, dass ich gar nicht so lieb sei. Wir lachten. Der Himmel war bewölkt; draußen regnete und stürmte es. Und plötzlich überkamen mich so dumme Gedanken wie: ,Du bist Priester und feierst heute keine Karfreitagsliturgie? Was bist Du nur für ein Mann, der es damit nicht so genau nimmt? Anstelle des Gottesdienstes sitzt Du sogar noch bei einem Menschen, der schwul ist und Aids hat.' Und ich sehe die Finger einiger frommer Gemeindemitglieder, die auf mich gerichtet sind.
Und in all den Minuten dieser einerseits eingebildeten, andererseits aber auch deutlich verspürten Verachtung ist mir Gott plötzlich so nah. Diese Nähe schenkt mir Gelassenheit. Ich fühle sie. Die gelassene Ruhe strömt durch meinen ganzen Körper. Sie fließt durch meine Hände, meine Finger, und mir scheint, als ströme sie auch in die Hände von Jens, die ich in jenem Augenblick mit meinen Händen fest umschlossen halte.
Bis auf die Knochen abgemagert lag Jens vor mir in seinem Bett. ,In solchen Momenten kann ich ein Kreuz nicht verehren. Das haut einfach nicht hin.' Darum war es wohl richtig so, dass ich am Karfreitag 1989 keine Liturgie gefeiert habe.
Die vielen Stunden bei Jens vergingen an sich wie im Flug. Sie haben mich keine Anstrengung, keine Kraft gekostet. Ich war nicht einmal gerädert. Reich erfüllt verließ ich das Krankenhaus. Fast traumwandelnd rannte ich durch die Birkbuschstraße zur nächsten U-Bahn-Station.
Es regnete nicht mehr. Ich war erfüllt. Ich war so nah beim Sterben. Ich war so nah bei Gott.
Zuhause angekommen entdeckte ich gleich, dass die rote Amaryllis von Angi aufgeblüht war.

 

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