Pastor Jan-Robert Beenen-Tandler
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7. ---- Regensburger Wenzelspredigt von Jan-Robert Beenen im "Stifter Jahrbuch - Neue Folge 1" München 1987.

  Regensburger Wenzelspredigt
von Jan-Robert Beenen-Tandler


 
Liebe Mitglieder und Freunde des Adalbert Stifter Vereins!

Wir feiern Gottesdienst im Gedenken an einen Mann, der vor 1057 Jahren ermordet wurde: Wenzel. Wie viele und welche Gedanken mögen jetzt wohl beim Ausspruch dieses Namens in ihren Köpfen aufleuchten? Ich weiß es nicht. Ich denke nur, die Menge und die Größe aller Gedanken wäre bestimmt kaum für einen Menschen zu fassen.
Als ich diese Predigt gestern Nachmittag in einem Straßencafe auf dem Domplatz zu Regensburg
endgültig verfasste, weilten meine Gedanken in Prag. Ja, in mir entstanden geradezu sinnliche Verschiebungen zwischen Prag und Regensburg. Fassaden, Gassen, Kirchen, Figuren, Tore und Brücken erinnerten an Prag. Ich spürte gleichsam eine enge Gemeinsamkeit zwischen Regensburg und Prag. Und ich glaube, im Gedenken an Wenzel stehen wir jetzt tatsächlich in christlicher Verbindung mit all den Menschen, die heute im Veitsdom zu Prag das Fest des hl. Wenzel feiern oder an seinem Grabe beten.
Wie eng Böhmen aber schon damals mit dem Westen verbunden war, zeigt, dass das ganze Abendland von der Ermordung Wenzels bewegt war. Bischof Gumbold von Mantua verfasste auf Wunsch des deutschen Kaisers Otto II. die erste uns bekannte Wenzellegende. Die meisten folgenden Wenzelslegenden stammen aus dem Umkreis von Regensburg. Ja, Wenzel selbst stand in enger Verbindung zu Regensburg. Sein väterlicher Freund war der Regensburger Bischof Michael. Den Märtyrertod starb Wenzel als Christ, aber auch als Freund der Deutschen.

Bei diesen Ausführungen stellt sich mir die Frage: „Wie können Tschechen und Deutsche heute wieder zu Freunden werden?“ Schon früher, bei meiner Arbeit in der sudetendeutschen Jugend, begegnete mir die Frage: “Wie können Tschechen, Juden und Deutsche, die Prag fast gleichstark bewohnten, zur Aussöhnung miteinander finden?"
Diese bange Frage bewegte mich im vergangenen Jahr persönlich auch sehr emotional, als ich im Juli nach langer Planung Prag und Böhmen, die Heimat meiner Mutter, besuchte. Jedoch gleich am ersten Tag hat mich Prag verzaubert, geradezu verklärt. Wie auf einer Woge von Zauber und Verklärtheit durchstreifte ich
die Gassen dieser Stadt. Und trotzdem wurde ich immer wieder auf den Boden der Realität gestellt durch diese eine, in mir bohrende Frage: „Wie können Tschechen und Deutsche wieder zu Freunden werden?“ und darüber hinaus: „Wie können wir die Juden in diese Freundschaft mit einbeziehen?“ Zudem spürte ich die mir oft in meiner Jugend begegnete Überheblichkeit nach dem spitz formulierten Motto: „Was ist Prag schon ohne Deutsche?“ oder: „Was haben die Tschechen aus dem Land gemacht, seitdem die Deutschen fort sind?"
Am ersten Tag in Prag humpelte ich vom Altstädter Ring durch die Karlsgasse zur Karlsbrücke. Kurz vor der Reise verstauchte ich mir nämlich den linken Fuß und mußte mit einem Gehgips nach Prag fahren. Die dadurch erforderlichen Ruhepausen auf Treppenstufen und Bordsteinkanten ließen mir viel Zeit, um Fassaden, Tore, Figuren, Kirchen und Gassen in Ruhe zu betrachten.
So gelangte ich auch an die Kreuzherrenkirche. Am Eingang saß auf einem Klappstuhl eine etwa 80-jährige,
schmuddelig gekleidete, rundliche Frau. Unfreundlich reagierte sie auf meine Bitte, ein wenig mein Bein auf einer Bank in der Kirche hochlegen und ausruhen zu dürfen. In
der Kirche stehen viele Heiligenfiguren. Ich ging zu der alten Frau zurück. Sie sprach perfekt deutsch. Ich fragte sie, ob es in der Kirche wohl eine Figur von Jan Nepomuk gäbe, da nicht alle Nischen zugänglich waren. Sie wurde freundlicher. Eine Figur gäbe es nicht, dafür aber wunderschöne Ölgemälde über das Leben des hl. Jan Nepomuk in der Sakristei. Dann sagte sie recht bestimmt: „Sie sind katholischer Priester, no wahr!“   Verwundert darüber wurde ich sprachlos, war ich doch in meiner hellen Cordhose und dem blau-gestreiften Hemd keineswegs als solcher erkennbar. Sie zeigte mir die Bilder in der Sakristei. Wir führten danach ein interessantes Gespräch. Sie bat mich, am nächsten Tag um drei-viertel-drei wiederzukommen. Als ich kam, war sie nicht da. Ich dachte, sie sei vielleicht krank geworden, und wurde traurig. Am übernächsten Tag humpelte ich wieder hin. Sie war wieder nicht dort. Ich merkte, dass sich in meine Traurigkeit jene eben erwähnte Überheblichkeit mischte. Trotzdem besuchte ich am darauf folgenden Tag erneut die Kreuzherrenkirche. Sie saß - Gott sei Dank - auf ihrem Klappstuhl vor der Tür. Sie lächelte mich zärtlich an und forderte mich auf: "Kommen Sie bitte mit in die Sakristei!
Dort schenkte sie mir - in Seidenpapier eingewickelt - eine etwa hundert-Jahre-alte, handgestickte Stola. Dabei sprach sie leise und stockend: “Diese Stola habe ich von einem Prälaten geerbt, dem ich den Haushalt geführt habe. Er hat zur Gruppe der sieben Männer gehört, die je einen Schlüssel zum Prager Domschatz in Verwahrung hielten. Ich wünsche mir nun, dass die Stola ein deutscher Priester trägt. Vielleicht liegt dann wieder Gottes Segen über Prag." Von da an war die gewisse Überheblichkeit in mir jäh gebrochen. Ehrfurcht und Achtung erfüllten mein Innerstes vor jener alten Frau.
War die Frage "Wie können Tschechen, Juden und Deutsche zu Freunden werden?" vorher noch ein Buch mit sieben Siegeln, so wurde mir durch diese Begegnung deutlich, dass ich zumindest wohl einen Schlüssel zum Öffnen des Buches gefunden hatte. Ehrfurcht und Achtung vor dem anderen Menschen sind ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu Versöhnung und Freundschaft. Und eben dieser Schritt geziemt sich vor allem für einen Christen.
Nach dem Tode Wenzels hat sich im tschechischen Volk das Christentum verbreitet und durchgesetzt. Tschechen und Deutsche haben sich gefunden: genau
im gemeinsamen, christlichen Glaubensbekenntnis. In der Eucharistie, die Wenzel innig verehrte, feiern wir gemeinsam die uns von Gott geschenkte Versöhnung durch Jesus Christus.
Trotzdem haben beide Volksgruppen aneinander gelitten und sogar einander bekämpft. Ich werde mich keinesfalls als überheblicher Richter über die Geschichte aufspielen. Darum kann ich nicht eindeutig beurteilen, ob die deutsche Besiedlung weiter Teile Böhmens immer auf friedlichem Wege erfolgt ist. Ich kann nicht beurteilen, welcher Bevölkerungsteil in den gemeinsamen Siedlungsgebieten vom anderen mehr unterdrückt oder ungerecht behandelt wurde. Ich kann nicht beurteilen, wie lange Tschechen und Deutsche in Frieden und in gegenseitiger Ehrfurcht und Achtung miteinander lebten. Ich kann nicht all das Leid und
Unrecht beurteilen, das sich Deutsche und Tschechen im Zusammenhang mit dem letzten Krieg angetan haben. Die meisten unter Ihnen sind aus Böhmen und Mähren vertrieben worden. Vielleicht haben Sie am eigenen Leib Ausbrüche von Haß erfahren. Könnte nicht jetzt, der Gedenktag des hl. Wenzel, ein Anfang sein, den Peinigern von damals zu verzeihen und heute einmal bewusst in Achtung und Ehrfurcht zu beten: „Vater unser, … gib mir die Kraft, die Schuld so zu vergeben, wie du auch uns unsere
eigene Schuld vergibst, … ?
In einem Fresco in der Wenzelskapelle des Prager Veitsdomes ist unter anderem auch jene Szene festgehalten, in welcher Wenzel huldigend vor den deutschen König Heinrich den Vogler tritt; der König aber vor Wenzel in die Knie sinkt, weil er ihn von zwei Engeln begleitet sieht.
Der Kniefall eines deutschen Königs vor einem böhmischen Herzog war damals sicherlich nicht üblich. Ein Kniefall eines deutschen Priesters vor der alten tschechischen Frau wegen des Stolageschenkes wäre auch nicht üblich gewesen. Aber eins ist mir klar geworden: Manchmal sollte ich doch in die Knie gehen, um wenigstens für die Versöhnung zwischen Juden, Deutschen, und Tschechen zu beten.

Gestatten Sie mir noch ein persönliches Wort am Ende. Ich danke meinem Freund Peter Becher, dass er mich eingeladen hat, diesen Gottesdienst mit Ihnen zu feiern. Ich durfte bei seiner Eheschließung die Assistenz der katholischen Kirche übernehmen. Bei der Eheschließung reichen die Ehepartner einander die rechte Hand. Der Priester legt auf die zusammengelegten Hände seine Stola. Heute nehme ich zu diesem Akt die mir in Prag geschenkte Stola. Gern hätte ich sie, lieber Peter, auf Eure Eheschließung gelegt. Damals besaß ich sie leider noch nicht.

Ich lege die Stola nun genauso gern auf die Zukunft des Adalbert Stifter Vereins und seine Bemühungen um die Nachgeborenen. Ich lege sie gern auf die Freundschaft zwischen Tschechen, Deutschen und Juden. Und glauben Sie mir, am liebsten möchte ich jetzt mit der alten tschechischen Frau sagen: Vielleicht liegt dann wieder der Segen Gottes auf Prag. Ich möchte weiter formulieren: Vielleicht liegt dann der Segen Gottes auf diesem, unserem gemeinsamen Werk. AMEN.  



 
Kreuzherrenkirche in Prag


Worte nach der Regensburger Wenzels-Predigt vom 28. September 1986.

Vom 30. Treffen sudetendeutscher Künstler und Wissenschaftler, 26.09. bis 28.09. 1986, in Regensburg, berichtete das Stifter Jahrbuch – Neue Folge 1 – 1987: „Der Sonntag wurde mit einer Messe in der St. Ulrichskirche neben dem Dom begonnen. Jan-Robert Beenen, seit einem Jahr Pfarrer auf der Nordseeinsel Juist,
zelebrierte die Wenzelsmesse und hielt eine eindringliche Predigt, in welcher er die Erlebnisse einer Prag-Reise mit dem Anspruch auf Versöhnung zwischen Tschechen, Juden und Deutschen verband. Die Predigt von Jan-Robert Beenen und die Ansprache von Peter Becher sind als Antrittszeichen einer neuen Generation auf den folgenden Seiten nachzulesen. Mit einer Exkursion nach Aldersbach zur Ausstellung ‚ Cosmas Damian Asam’ klang das 30. Künstlertreffen aus.“  


Kniefall des deutschen Königs Heinrich der Vogler vor dem böhmischen Herzog Wenzel.

Es bleibt noch zu dem Stolageschenk vom 10. Juli 1985 anzumerken: Zum Fest meines Namenspatrons Jan Nepomuk bin ich vom 8. Mai bis zum 17. Mai 1987 nach Prag gefahren. Ich besuchte auch wieder Antonia Jasanska, die mir zwei Jahre zuvor die alte Stola geschenkt hatte. Sie schenkte mir weitere, sakrale Gegenstände, unter anderem ein Kelchtuch, auf das eine Krone, ein Äbtissinnenstab, eine Lilie und eine tschechische Fürbitte zur seligen Agnes von Böhmen: ’BLAHOSLAVENA ANEZKO ORODUJ ZANAS’ gestickt sind.
In meinem jugendlichen Leichtsinn sagte ich damals zu Frau Jasanska: „Wenn die selige Agnes
von Prag heiliggesprochen wird, dann bekommt 
Ihr in der Tschechoslowakei mit Sicherheit die Freiheit von der totalitären Herrschaft des Kommunismus.“ Ich sollte tatsächlich Recht bekommen. Am 12. November 1989 wurde die selige Agnes aus Prag von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen; am 17.11. desselben Jahres fand in der CSSR die sanfte Revolution statt.
Zurück auf der Insel Juist habe ich mich eingehend mit der Vita der sel. Agnes von Prag beschäftigt. Sie ist eine sehr wichtige Person in meinem 
Leben geworden. 
Übrigens: bis zu ihrem Tod verband mich mit Antonia Jasanska eine innige Herzlichkeit. Seither ist Prag zu meiner heimlichen Heimatstadt avanciert.
Die Regensburger Wenzelspredigt habe ich noch am selben Tag meinem Freund Peter Becher gewidmet.




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